Mitte April 1945 wurde der Waffenstillstandswaggon im Wald zwischen Crawinkel und Ohrdruf in der Nähe des geplanten Führerhauptquartiers in Thüringen zu großen Teilen durch ein Feuer zerstört. Zeitzeugen und Sachzeugnisse haben diese Tatsache bestätigt. Zu diesem Zeitpunkt waren keine deutschen Truppen mehr im näheren Umfeld von Crawinkel aktiv.
11./12. April 1945 - Alfred Ballenberger aus Crawinkel war wieder mit weiteren Jugendlichen unterwegs auf der Suche nach Gegenständen, die der Krieg hinterlassen hatte - hauptsächlich auf der Suche nach Nahrungsmitteln. Etwa einen Kilometer von Crawinkel entfernt stießen die Jungen auf den „schwelenden“ Eisenbahnwaggon. Mit großem Herzklopfen gingen sie zügig durch den Waggon aus Angst erwischt zu werden. „Hier und da glimmten einige Sitze“, erinnerte er sich, der Rest sei verwüstet gewesen.
Arno Töpfer aus Ohrdruf war noch kurz zuvor im Abteil, ebenfalls auf der Suche nach Essbarem. „Der Wagen machte einen guten Eindruck, Fenster und Türen waren offen.“ Er erinnere sich noch an Sessel und Stühle, die um einen großen Tisch herum standen. „Auf dem Tisch war eine Glasplatte und darunter Schriftstücke in ausländischer Schrift.“ Den Schriftzug „Keitel“ habe er erkannt.
Auch von den blauen und roten Vorhängen und Tischdecken weiß er noch. Allerdings, so Töpfer, hätten Schnaps- und Bierflaschen sowie Essenreste umher gelegen: „Darin wurde gefeiert!“ Kurz darauf hörte er „ausländische“ Stimmen und sah Menschen in blauer Arbeitskleidung mit der Aufschrift „Ost“. „Es könnte Russisch gewesen sein. Die Männer haben mich rausgeschmissen und davon gejagt. Anschließend gingen sie mit großem Gegröle in den Wagen und am Abend sahen wir die Flammen im Wald.“
12. April 1945 - Amerikanische Truppen fotografierten in der Muna an diesem Tag brennende Baracken, die aus Rache von Zwangsarbeitern angezündet wurden. Es ist möglich, dass hier die gleichen Zwangsarbeiter am selben Tag Feuer legten, da der Waggon nur wenige 100 Meter entfernt von dieser Stelle im Wald stand. Bildunterschrift [C4] im Original: „In retalitation for being kept prisoners so long the inmates of this slave labor concentration camp set fire to it when the Germans retreated before the advancing 3rd US Army near Ohrdruf, Germany.“
Im Krieg waren neben KZ Häftlingen auch viele Fremdarbeiter zur Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben eingesetzt. Nach der Besetzung Thüringens durch die amerikanischen Einheiten nutzten sie ihre Freiheit und traten teilweise sofort die Heimreise an. Auf dem Weg plünderten sie und nahmen sich, was sie brauchten. Den Waggon wollten sie gegebenfalls nicht den Deutschen überlassen und zündeten ihn bewusst oder durch Unachtsamkeit mit offenem Feuer an. Plünderung - In der Nacht vom 10.04. zum 11.04.1945 besetzten amerikanische Einheiten Crawinkel. In den Tagen davor und darauf begannen vermutlich die ersten Plünderungen des Waggons und Souvenierjäger sicherten sich Teile der Waggonbeschriftung. Nach dem Brand wurde der Waggon weiter durch die Einwohner der umliegenden Orte nach allem Brauchbaren durchsucht und demontiert. Kupferblech vom Dach, Bronzebuchstaben der Beschriftung inklusive CIWL Emblem, Vorhänge, Möbel und Holz - nur das lauffähige Fahrgestell blieb am Ende übrig.
Im Herbst 1945 schleppten es Eisenbahner zum Bahnhof Gotha. Dort ging der Zusammenhang zum Waffenstillstandswaggon verloren. Ende der 40er Jahre wurde das Fahrgestell im Reichsbahn Ausbesserungswerk Gotha zum Werkswagen umgebaut. Anfang der 70er Jahre wurde der Waggonunterbau für das Weichenwerk Gotha für den innerbetrieblichen Verkehr umgebaut. „Der alte Franzose“ beziehungsweise der Werkswagen 17 wurde dort liebevoll auch „Kanapee“ genannt.
Anfang der 80er Jahre wurde der Werkswagen dort nach Bruch eines Längsträgers verschrottet. Dies war das unspektakuläre Ende des wohl berühmtesten Eisenbahnwaggons der Welt.
(c) K.-P. Schambach
Abbildungen privates Archiv K.-P. Schambach
[C1] Von links nach rechts: Ernst Kümmerling, General Gamache von der Gedenkstätte in Compiègne sowie Paul Ostermann aus Crawinkel am 29.10.1992 in Wölfis
[C2] Alfred Ballenberger aus Crawinkel mit einem ZDF Team am 02.05.2005 in der Muna
[C3] Der Buchstabe N und die Zahl 4 in der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen, übergeben von Herrn Gerd Kratsch aus Ohrdruf
[C4] US Foto vom 12.04.1945 bei einer Besichtigung der Muna Crawinkel